Vom Schwärmen – eine Ausstellung in sechs Vitrinen

Ausschnitt aus einer Arbeit von Patricia Saavedra, Foto: Brigitta Höpler

Was im Kunstleben der Stadt während der Corona-Lockdowns zur Rettung wurde, betreibt die Künstlerin Babsi Daum seit bald 15 Jahren: Ausstellungen in Schaufenstern, rund um die Uhr von der Straße aus zu besichtigen. Die Schaufenster im Stuwerviertel im zweiten Bezirk werden zu kleinen Schauplätzen der Kunst, beleben die Umgebung, unterbrechen die gewohnten Wege und Blicke. Laden ein, sich überraschen zu lassen.


Arbeit in Auslage

„Auslage in Arbeit“ – dieses Schild begegnet Stadtflaneur:innen immer dann,  wenn die Schaufenster der Geschäfte leer sind oder gerade umgestaltet werden. Babsi Daum spielt mit diesem geläufigen Begriff, dreht ihn um und nennt die Ausstellungsreihe „Arbeit in Auslage“. Im Abstand von sechs bis acht Wochen lädt sie Künstler:innen ein, die sechs Vitrinen zu gestalten und ihre Arbeiten zu zeigen.

Vitrinen als Ausstellungsräume „en miniature“ im öffentlichen Raum bieten viele Möglichkeiten, sind kleine Experimentierfelder rund um das Atelier von Babsi Daum in der Stuwerstraße. Das Wort Vitrine kommt vom lateinischen Begriff vitrum für Glas. Die Glasscheibe ist es auch, die den Ausstellungen einen zusätzlichen Reiz gibt, je nach Licht und Tageszeit. Die Spiegelungen verbinden den Innen- und Außenraum, die Ausstellung mit der Umgebung und den Betrachter:innen, die oft mit im Bild sind.

Eine Arbeit von Bianca Buchen, Foto: Brigitta Höpler

Eröffnet werden die Vitrinenausstellungen immer am Sonntagvormittag, mit Kaffee und Kipferl, manchmal mit Musik und Texten. In Zeiten wie diesen wird die gesamte Vernissage auf die Straße verlegt, wo auch die Vitrinen sind. Eingeladene vermischen sich mit zufällig Vorbeikommenden. Ich mag diese überraschenden Begegnungen und Gespräche rund um die Kunst sehr.

Kaffee und Kipferl, Foto: Brigitta Höpler

Bleibt zusammen

In der aktuellen Ausstellung „Schwärmen – Weisheit der Vielen“ zeigen die Künstlerinnen des Atelier Nr. 9 aus Göttingen, Bianka Buchen, Anneke Neumann, Patricia Saavedra, Arbeiten entlang der Grundregeln eines Schwarms: „Bleibt zusammen! Haltet immer den gleichen Abstand! Bewege dich in etwa in dieselbe Richtung wie deine Nachbarn!“

Die Ausstellung wurde in den letzten zwei Jahren wegen Corona mehrfach verschoben, ein Ereignis, das uns so richtig gezeigt hat, wie verbunden und wie abhängig voneinander wir sind!

Da gibt es Schwärme von Toilettenpapierrohren in den Vitrinen, von glitzernden Makrelen, von erdfarbenen Menschen, von zarten roten Flatterwesen, von Schutzmasken. Die Pandemie spielt mit hinein, der im Februar begonnene Krieg, die Faszination für Tierschwärme und ihre Intelligenz.

Und über allem die Frage, ob nicht Menschen in bestimmten Situationen auch eine Art von Schwarmintelligenz entwickeln.  

Wie überleben wir Menschen?

In der Vitrine von Bianca Buchen begegnet uns ein widerständiger Chor aus Belarus, sie zeichnet die Umrisse einiger Chormitglieder in den Stadtplan von Minsk ein und schreibt die Geschichte dazu. Um gegen die Polizei besser geschützt zu sein, hat sich der Chor bei seinen Auftritten in der Stadt immer wieder zerstreut und versammelt, ähnlich Tierschwärmen.

Eine weitere Arbeit von Bianca Buchen, Foto: Brigitta Höpler

So auch der Titel von Patricia Saavedras Arbeit „Wir Menschen werden nur überleben, wenn wir uns wie Tiere verhalten“. Ein großes Aquarell, ein Menschenschwarm in Erdfarben, schwimmende Frauen mit Meeresfarben.

Eine Arbeit von Patricia Saavedra, Foto: Brigitta Höpler

Anneke Neumann zeigt die Ambivalenz im Umgang mit Regeln, die Lust sie zu brechen, und gleichzeitig die Notwendigkeit, sie einzuhalten, denn die Pandemie zum Beispiel ist nur im Schwarm beherrschbar, so nach dem Motto „können bitte endlich alle tun, was ihnen gesagt wird?“

Eine Arbeit von Anneke Neumann, Foto: Brigitta Höpler

Die Lust am Schwärmen zeigt sich in diesen sechs Vitrinen, – sie laden zum Flanieren ein, zum Entdecken, zum Nachdenken über viele Themen, die uns gerade beschäftigen.

Die Ausstellung „Schwärmen – Weisheit der Vielen“ ist bis 1. Mai 2022 jeden Tag und nachts bis 24 Uhr in 1020 Wien, Stuwerstraße 24/Ecke Molkereistraße zu sehen.

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