Poppitz – Hölle Urlaub

© Dor Film

Der Sommer 2002 war in vielen Belangen seltsam. Ein Detail, an das ich mich noch genau erinnere war, dass es auch der erste Sommer war, in dem ich allein ins Kino ging. Ein Gymnasiast, der unweit von Zuhause (es gab ja noch die kleinen Kinos wie das „Auge Gottes“), mutig allein ins Kino ging, um eine österreichische Komödie zu sehen. Es war Poppitz.


„Poppitz, Poppitz, who the fuck is Poppitz?“ eröffnet die Schimpf- und Hasstirade auf All-inclusive Pandämonien und Kleinkriege zwischen österreichischen und deutschen Touristen im Sommerurlaub weit weit weg. Harald Sicheritz („Muttertag“, „Hinterholz 8“ u. a.) erzählt die Geschichte des Gerry Schartl (Roland Düringer), der im Alltag gerade so noch Lebenswillen aufbringen kann und sich auf seinen Urlaub mit Frau und Tochter freut. Stress in der Arbeit? Unsichere Zukunft ab neu angestelltem Kollegen? Oder doch Vorgesetztem? Wir fliehen sowieso! Und zwar zu einer Urlaubsinsel, auf der Eisentore und bewaffnete Soldaten die Welt der Einheimischen vor den Touristen schützt und ex-equo (dass der ursprüngliche Witz dieser Optik natürlich eher zu Kosten der Einheimischen gedacht war, oder dass die Bestandsaufnahme zumindest nicht über „schau mal, wie sich die Urlauber neben einem zerfallenen Staat in der Sonne räkeln, schon oarg, hohoho“ hinausgeht, sei einmal dahingestellt).

Roland Düringer als Krieger des kapitalistischen Realismus

Es wirkt hier oft wie ein Stellvertreterkrieg der Kolonialmächte, Deutsche gegen Österreicher(-Ungarn). Um Liegen wird gekämpft – der Österreicher samt Katalogehefrau haut dem deutschen Hippie eine aufs Happl – um Ehefrauen, da kommt Poppitz ins Spiel, und ums Buffet, um die „Ehre der Tochter“, die sich in einen der Animateure vernarrt hat. Inklusive „Psycho“-Referenz, was natürlich, da es sich um eine weiße Familie handelt, nie als Ehrenmord bezeichnet worden wäre. Alles in allem geht es um Ressourcen und Gebiete. Die Kolonialisierten haben wenigstens ein bisschen was zu lachen beim Betrachten der Mikrorealpolitik am Hotelpool. Hier ist der Hauptcharakter natürlich in einer interessanten Position, denn seine Frau kommt aus Deutschland, weshalb sie sich natürlich prompt ein schwarz-rot-goldenes All-inclusive Band beim Einchecken ums Handgelegt bindet, sehr zum Verdruss des Mannes, der dies mit Hochverrat gleichsetzt und diesen Skandal gleich mit einem Rot-weiß-rotem Bändchen beendet. Fahnenhissen kann also auch hier zu diplomatischen Spannungen führen (als der Film in den Kinos lief, kannten wir Frau Schartl (Marie Bäumer) alle noch als „Uschi“ aus Bully Herbigs „Schuh des Manitu“, kein weiterer Kommentar).

Flucht aus dem Paradies

Natürlich sind auch Gepäcksstücke am Flughafen verloren gegangen, Teile von uns selbst, die wir mit in die Ferne nehmen, um dort auch gerüstet zu sein für die täglichen Herausforderungen, die jetzt im schwarzen Rollkragenpullover gemeistert werden müssen. Tourist:innen aus Berlin haben sogar Teile der Berliner Mauer mitgenommen, die sie gegen örtlich antike Ruinenstücke tauschen wollen. Mein Ruin, dein Ruin, eh ois desselbe… Es verdichtet sich ein Verdacht, oder es formuliert sich die Frage „Sind wir aus dem oder ins Paradies geflüchtet?“

Manchmal braucht man immerhin Urlaub vom Urlaub. „Warum schiaßsn‘s auf‘d Sun? Weis ned hie wird, wenn ma’s trifft“ ist das dramatische Highlight des Urlaubs, denn Gerry entledigt sich mit diesen Worten auf patriarchalische Weise dem verhassten Poppitz per Pfeil und Bogen, ganz wie früher.

Selbstgeschaffene Hölle

Am Ende löst sich natürlich alles in Wohlgefallen auf. War der Horrorurlaub doch nur alles reine Fantasie, ein Tagtraum Gerrys, geboren aus dem unguten Gefühl durch die Veränderung in der Arbeit. Was sehr gut illustriert wird ist, wie wir selbst in der Freizeit dialektisch von der Arbeit beeinflusst werden. Der Terrorist war Kinderarzt, der Urlaubsort noch gar nicht erreicht, keine Schätze geplündert, keine Menschen wurden ermordet. Ob es das alles wirklich besser macht, ist natürlich fraglich, denn die unterbewusste Lebenswelt des Gerry brodelt weiter.

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