Parasoziale Beziehungen: Wenn Celebrities zu Freund:innen werden

Foto © Mathew Browne auf Unsplash

Deine Screen-Time ist regelmäßig 5h+? Ohne Serienhintergrundrauschen schläfst du nicht ein? Bei deinen Lockdown-Spaziergängen trifft man dich nicht ohne Kopfhörer im Ohr? Du bist nicht allein. Während der Pandemie ist die private Mediennutzung weltweit explodiert. Für manche von uns sind die fiktiven und realen Charaktere auf unseren Bildschirmen mittlerweile zu alten Bekannten geworden. Anstatt mit Freund:innen Gemüse zu schnippeln, leisten uns Rachel, Ross & Co. oder die Hosts unseres Lieblingspodcasts beim Kochen Gesellschaft. Wer früher noch mit Kolleg:innen die Mittagspause verbrachte, der zappt sich heute beim Essen durch die neuesten Insta-Stories. Sozialwissenschaftler:innen nennen dieses Phänomen parasoziale Interaktion.


Anmerkung der Redaktion: Eine Version dieses Artikels erschien usprünglich am 4. Juni 2021 auf unserer alten Homepage.

Eine soziale Beziehung verdient dann den para-Präfix, wenn sie (vorrangig) einseitig ist: Medienkonsument:innen fühlen sich emotional verbunden mit fiktionalen Figuren oder Personen des öffentlichen Raums. Daran ist nichts verwerflich. Corona brachte für die meisten von uns ein Defizit an realer sozialer Interaktion. Parallel dazu hatten manche von uns in den letzten beiden Jahren ohne Zugang zu unseren üblichen Freizeitaktivitäten, drastisch mehr Zeit allein auszufüllen.

Gerade – aber nicht nur – in Zeiten eingeschränkter Sozialkontakte kann diese Form von fiktionaler Nähe sich positiv auf die Psyche auswirken indem sie Einsamkeit, Stress und Ängste reduziert.

Im besten Fall können unsere parasozialen Interaktionen mit Menschen, die wir fühlen zu kennen, auch Gesprächsthemen für reale Sozialkontake liefern: Wer keine Lust mehr hat sich über verschobene Impftermine zu echauffieren oder Inzidenzraten zu debattieren, der kann beim nächsten Corona-Walk im Detail die Handlungsstränge der dritten Staffel „Ozark“ besprechen, oder sich über DariaDarias Mittagessen austauschen.

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Foto © hercampus.com auf Giphy

Vor allem Instagram, Twitter & Co. ermöglichen eine hohe Intensität und Frequenz an Interaktion. Was für Supporter mehr „Nähe“ bedeutet, bringt auch für Stars wie Taylor Swift, Conchita Wurst und Manuel Rubey Vorteile: deutlich mehr Einfluss auf ihr öffentliches Profil, einen 24h-Werbekanal inklusive personalisierter Zielgruppe, und – weniger zynisch gesehen – einen direkten, persönlicheren Austausch mit Fans. Zwar haben soziale Medien parasoziale Beziehungen auf ein neues Level gehoben, aber sie existieren schon deutlich länger: im 19. Jahrhundert, zum Beispiel, löste der ungarische Komponist Franz Liszt mit seiner Konzerttour eine Welle der Euphorie, auch genannt Lisztomanie, aus. Star Trek schaffte ein ganzes Fandom, und zahlreiche Millennials sind mit den Wohnungen der Friends-Figuren vertrauter als mit jenen enger Bekannter.

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Natürlich können parasoziale Interaktionen auch negative Konsequenzen haben, zum Beispiel wenn sie reale Beziehungen beinträchtigen, oder Minderwertigkeitsgefühle auslösen, vor allem in Bezug auf Körperwahrnehmung und soziale Vergleiche. Dank Zoom und Skype haben wir im Jahr 2021 ungewohnte Einblicke in die privaten Wohnräume der Stars bekommen.

Eine akribische Analyse der Bücherregale der Reichen und Schönen ist harmlos. Aber wer seine Quarantäne in einer Einzimmerwohnung verbringt, wird sich vielleicht nicht unbedingt besser fühlen, wenn sie sieht, wie Jennifer Lopez am Pool ihres 500m2-Anwesens chillt.

Vielleicht sind unsere parasozialen Beziehungen ein bisschen wie Müsli-Riegel: Lebensretter auf einer langen Wanderung, aber doch kein Ersatz für die Einkehr ins Gasthaus am Schluss.

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