Der lange Schatten der Anti-Impfbewegung

Heinrich Hoffmans „Suppenkasper“

Es werden langsam viele Stimmen laut, die ganz korrekt aufzeigen, dass die Antiimpfbewegung eine Vielzahl an fragwürdigen historischen Wurzeln hat: Nationalismus, Antisemitismus, rassistisches Übermenschengedankengut und das alles natürlich garniert mit einer Prise von Verschwörungstheorien und bürgerlichem Verständnis von Wohlstandsrebellion. Ich möchte mich hier nun darin versuchen, daraus ein ganzheitlich, kulturgeschichtliches Bild zu zeichnen.


Impfungen sind wieder einmal ein Streitthema und man kann sich nur wundern, wie sich hier ein weiteres Mal bewahrheitet, dass die Geschichte sich manchmal tatsächlich wiederholt.

Antisemitismus, Nazis und „der Impfzwang“

Bekannte Antisemit:innen wie Eugen Dühring verbanden schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts antisemitische Verschwörungstheorien mit Impfungen, diese wurden aber schon weitaus früher, und zwar kurz nach ihrer Erfindung durch den englischen Arzt Edward Jenner, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als „jüdische Erfindung“ und „Gift“ bezeichnet. Der alte antisemitische Mythos vom „jüdischen Brunnenvergifter“ würde so weitergesponnen. „Doch halt!“, werden einige sagen, „die Nazis haben auch eine Impfpflicht eingeführt!“, und ja dem war tatsächlich so. Allerdings muss man hier zum einen begreifen, dass dies nicht von allen Fraktionen unterstütz wurde, Himmler zum Beispiel war der Ansicht, der gesunde, arische Körper sei gegen jede Krankheit gefeit; und zum anderen ist Faschismus keine kohärente Ideologie, sondern purer Opportunismus. Viel Ästhetik und wenig dahinter, weshalb sie ja auch in der Lage war und ist, Ökobewegungen und Esoterikszenen mit Leichtigkeit zu unterwandern. Hier ist zum Beispiel folgender Vorfall anschaulich: Als Menschen auf einer Anti-Coronamaßnahmen-Demo mit „Antifaschisten“-Schildern teilnahmen, wurden sie von anderen Teilnehmer:innen verbal und physisch angegriffen. Ein sehr bezeichnender Zwischenfall.

Nicht die Impfung ist verhasst, sondern Solidarität ist ein Fremdwort

Der ideologisch begründete Egozentrismus des kapitalistischen Produktionssystems vermittelt das komplett falsche Bild der starren Grenze zwischen dem eigenen Körper und der Umwelt. Eine Ideologie, die „jeder ist seines Glückes Schmied“ predigt, kann schlicht und ergreifend nicht mit der Tatsache im Einklang existieren, dass unsere Körper ständig im Austausch mit der Umwelt sind. Umwelteinflüsse weichen die Grenzen von dem, was wir als unseren Körper verstehen und seiner Umwelt immer weiter auf. Der einzige Unterschied zwischen einer Impfung und diesen Phänomenen ist ein ideologischer, denn niemand ist eine Insel. Weder psychologisch noch philosophisch und schon gar nicht physisch. Eine Impfung gegen eine hochansteckende Krankheit ist lediglich ein sichtbarer Beweis dafür. Diese dialektischen Gegensätze sind die Folge von kapitalistischem Liberalismus, der jetzt von den eigenen Geisteskindern verspeist wird. Eine ÖVP, die jetzt auf einmal mit Solidarität wirbt, ist natürlich ein Widerspruch in sich und das merken die Menschen natürlich, nur leider demonstrieren sie genau gegen den falschen Aspekt der Sache und aus den falschen Gründen.

Corona hängt uns wohl allen schon lange zum Halse heraus, ja selbst diese Feststellung selbst hängt uns zum Halse heraus. Aber dennoch müssen wir uns der historischen Bedeutung und dem Kontext bewusstwerden, die hier immer wieder als neue Narrative verkauft werden. Die Impfung allein wird uns nicht retten, nein, dazu braucht es bedeutend mehr. Aber wie wollen wir das schaffen, wenn wir nicht einmal den ersten Schritt tun?

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