„Wir suchen unsere eigene Insel“

Birgit Kellner und Christian Schlechter
Foto: Igor Ripak

Wie erreicht man das Publikum mit einer Kunstform, die oft missverstanden wird? Mit ihrem Figuren- und Objekttheater-Kollektiv Spitzwegerich versuchen Birgit Kellner und Christian Schlechter genau das. „Puppentheater“ ist tatsächlich das falsche Label für die imposanten Erzählungen, die sie mithilfe von abstrakten Figuren, Musik, Text, Schauspiel, Live-Zeichnung, Projektion und Tanz zum Leben erwecken. In unserem Gespräch geht es um die feine aber kleine Wiener Figurentheaterszene, ein Aufbrechen hierarchischer Theaterstrukturen, und das ungeplant zeitgemäße Stück „Finstergewächs“.


Figuren- und Objekttheater“ ist nicht jedem ein Begriff. Für die Theatermacher:innen Christian Schlechter und Birgit Kellner vom 2013 gegründeten Wiener Theaterkollektiv Spitzwegerich kann es so ziemlich alles bedeuten – von eineinhalb Meter hohen Händen über sprechende Därme hin zu strampelnden Käfern, deren Beine Musik machen.

Wenn Kellner und Schlechter sagen, „Wir suchen unsere eigene Insel in der Theaterszene“, dann meinen sie das genauso. Der Name „Spitzwegerich“ ist Programm: „Das ist ein unscheinbares Gewächs mit großen Kräften, das unter widrigsten Bedingungen wächst,“ sagt Birgit Kellner. „Man traut der kleinen Pflanze gar nicht zu, was sie alles kann.“   

„Wir schätzen kreative Köpfe“

Und Spitzwegerich kann einiges, auch weil Birgit Kellner und Christian Schlechter auf Interdisziplinarität und Zusammenarbeit mit anderen Künstler:innen setzen, wie sie immer wieder betonen. Sie machen „Stücke, die vom Anfang bis zum Schluss im Team entstehen“, auf Augenhöhe, entgegen der klassischen Theaterhierarchie. Zu den Spitzwegerich-Mitgliedern zählen deshalb unter anderem auch der Schauspieler und Musiker Simon Dietersdorfer, die Autorin und Dramaturgin Natascha Gangl, die beiden Musiker:innen Maja Osojnik und Raumschiff Engelmayr und der Theatermacher Felix Huber.

„Finstergewächs“
Foto: Apollonia Theresa Bitzan

„Ich denke eine Figur anders, wenn ich weiß, ich arbeite mit einer Tänzer:in oder Musiker:in“, so Birgit Kellner. Aber auch ihren Kooperationspartner:innen eröffnet das Objekttheater neue Perspektiven. Für den Schauspieler Simon Dietersdorfer war die Interaktion mit Puppen anfangs ungewohnt: „Man nimmt eine Figur – in Gestalt eines Darms oder Gehirns – plötzlich ganz ernst. Man nimmt sich selbst zurück und lässt dem Ding den Vortritt,“ so Birgit Kellner.

Überhaupt, fährt Kellner fort, gäbe es im Figurentheater wenig Platz für Eitelkeit. („Es gibt aber sehr eitle Puppenspieler:innen“, wirft Christian Schlechter lachend ein). Trotzdem, beim Figurentheater sollten laut Kellner „mehr die Figuren und Bilder im Zentrum stehen, als die Menschen.“ Vielleicht ist das mit ein Grund, warum die beiden auf den Fotos ihrer Website nur im Hintergrund zu sehen sind. 

Bei all der Liebe zum freien kreativen Prozess „braucht es natürlich auch einen Plan“, so Schlechter. Das Vermischen von Genres habe außerdem auch ganz praktische Gründe. Das Bauen einer Figur kann schon einmal einen Monat beanspruchen, dank Projektionen, Musik oder Text könne man aber auch spontane Ideen und Improvisationen umsetzen.

Von Miniaturwelten zu überdimensionalen Insekten

Birgit Kellner und Christian Schlecher lernten sich während des Studiums im Fach Bühnengestaltung an der Universität für Angewandte Kunst Wien kennen, seit damals sind sie privat und beruflich ein Team. Ihre Faszination für das Figurentheater entdeckte Kellner über das Puppentheater-Festival „Die Macht des Staunens“, Schlechter war schon immer ein Fan des Wiener kabinetttheaters. Bühnenbild und Objekttheater sind sich näher, als man denkt. „Als Bühnenbildner:in erschafft man eine Miniaturwelt, die symbolisch für die große steht,“ so Schlechter.

Während einer dreijährigen Figurentheater-Ausbildung in Wels kamen Schlechter und Kellner schließlich auf die Idee, ihre eigenen Stücke zu entwickeln – abseits von allen Genrekonventionen. Zur Veranschaulichung: In ihrem Debütstück „Welcome to the Insects“ verwandeln Menschen sich zum Klang mystischer Trommelschläge in Käfer oder werden von überdimensionalen Raupen gefressen.

„Finstergewächs“
Foto: Apollonia Theresa Bitzan

„Es gibt mehr als Kasperl“

Das Puppentheater gab es schon im alten China und im antiken Griechenland, heute wird in Italien und Frankreich die Marionettenspielkunst zelebriert, und in Deutschland gibt es große, gutbesuchte Puppenspieltheater. Die Wiener Objekttheater-Szene hat hingegen durchaus Wachstumspotenzial. „Figurentheater ist hier ein Kleinod“, so Kellner. „Knapp 60 Kilometer von hier, in Bratislava, kann man an der Universität Puppenspielregie studieren“, ergänzt Schlechter. Spitzwegerich will dazu beitragen, das Figurentheater stärker innerhalb des österreichischen darstellenden Kunstsektors zu etablieren, und mit Missverständnissen aufräumen. Figurentheater ist weder lowbrow noch ausschließlich für Kinder. „Es gibt viel mehr als Kasperl – obwohl wir den super finden“, sagt Kellner.

Die lokale Szene – das kabinetttheater mit seinen „großen literarischen Texten“, das Schubert Theater mit seinen Klappmaulpuppen, sowie einige renommierte Gruppen und Solokünstler:innen – ist heterogen aber gut vernetzt. Auch Kellner und Schlechter sind neben Spitzwegerich viel in der freien deutschsprachigen Theaterszene unterwegs, oder arbeiten auch mal mit anderen Figurentheater-Gruppen am Objekt- oder Puppenbau.

Fantastisch-düstere Hybridwesen aus Mensch und Tier

Wie all ihre Projekte begann auch das aktuelle Stück „Finstergewächs“ – übrigens eine Wortschöpfung des Lyrikers Paul Celan – mit einem visuellen Storyboard. Schon 2017 besuchten Christian Schlechter und Birgit Kellner eine Ausstellung mit Arbeiten des Zeichners Odilon Redon. Dessen Werk machte eine spannende Metamorphose durch: von fantastisch-düsteren Hybridwesen aus Mensch und Tier – „die Tusche-Zeichnungen schauen eigentlich schon aus wie Puppenentwürfe“, so Kellner – zu farbenfrohen, floralen, fast impressionistischen Gebilden.

Neben Redon inspirierten sie auch die Zeichnungen und Anagramme der Künstlerin Unica Zürn. In der Autorin, Anagrammistin und Zürn-Forscherin Natascha Gangl fanden sie die ideale Kooperationspartnerin. Das Stück „Finstergewächs“ folgt dem Leitsatz „vom Dunkel ins Licht“, die inhaltliche Aktualität ist purer Zufall. Es bearbeitet laut Schlechter und Kellner ernste Themen durchaus verspielt und humoristisch. Das Resultat trägt den Untertitel „audiovisuelles Gedicht“.

Natascha Gangl in „Finstergewächs“
Foto: Apollonia Theresa Bitzan

Was erwartet mich im Figurentheater?

Woher weiß man bei derart interdisziplinären, gleichberechtigt entwickelten Teamprojekten, wann das Stück fertig oder gar gelungen ist? „Wenn man’s schafft, dass das Staunen einen Platz bekommt“, so Birgit Kellner. „Und es zählt auch das Gefühl, das man miteinander beim Performen hat. Was schwappt über an das Publikum? Und was kommt zurück?“ Die Reaktionen sind laut Christian Schlechter nicht immer vorhersehbar. „Manchmal fragt man sich, was war da heute los? Und am nächsten Tag ist der Teufel los, weil es einfach eine andere Dynamik gibt und die Leute feiern wollen.“

Bei „Finstergewächs“ und anderen Spitzwegerich-Produktionen erwartet die Besucher:innen laut Kellner „eine bildgewaltige Performance – eine Mischung aus Konzert, Wort, Bild, und Figur. Theater-, Konzert-, und Lesungsgeher:innen werden etwas darin finden.“

„Finstergewächs“ (Teaser) ist am 14., 15. und 16. Jänner 2022 im Schubert Theater Wien und beim Dramatikerinnenfestival in Graz von 8. bis 12. Juni zu sehen.

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