Liebe fremde Nachbar:innen!

Foto: Vienna Reyes auf Unsplash

In den Monaten, in denen das Leben sich normalisiert hatte und meine Wohnung wieder nur Zwischenstop war, als ich mich mehrmals täglich gegen die schwere Haustür gestemmt hab, gehetzt und mit Kopfhörern im Ohr, da wart ihr mir ehrlich gesagt ziemlich wurscht. Jetzt, wo wir alle wieder zuhause sind, da fällt mir auf, dass über mir und unter mir geniest und haargeföhnt und kindergeschimpft und gefernschaut und geheimwerkt wird, und dass ihr gar nicht so wurscht seid. Nicht weil ihr unersetzbar seid, sondern weil ein Mensch hören und sehen und riechen will, dass es da auch noch andere Menschen gibt.


Ich kenne euch nicht, aber ich wohne zwischen euren Schritten und dem Klingeln an euren Türen und euren Essensgerüchen. Manchmal riecht’s verbrannt, aber am Wochenende riecht’s oft undefinierbar-süß nach Mehlspeise.

Wir grüßen uns, wir halten uns gegenseitig die Haustür auf. Ich frag mich, wohnst du eh hier? Ich hab dich noch nie gesehen. Ich denk an Ted Bundy und andere Serienmörder und all die True-Crime-Dokus die ich auf keinen Fall schauen darf. Dann fällt mir ein, dass hier gut zwanzig Parteien wohnen und ich kenn vielleicht zehn davon.

Manchmal nehm ich eins eurer Pakete an. (Ihr verbringt schon viel Zeit auf Amazon, oder?) Ich mach das nie ganz selbstlos, eher weil der Lieferant so verzweifelt dreinschaut oder weil ich hoff, dass ihr zukünftig den Gefallen erwidert und mir damit eine 30-Meter-Schlepperei erspart.

Letztens hab ich eine Postkarte in meinem Postfach gefunden. Vorne war eine Katze drauf und hinten stand: “MEGA, dass wir euch am Spielplatz kennengelernt haben!” Da stand noch mehr, das ich vergessen hab – beziehungsweise natürlich nicht gelesen weil Briefgeheimnis. Ich hab bemerkt, euer Nachname ist mein Nachname nur mit Punkten über dem a. Ich kenn euch nicht und vermutlich sehen wir uns nicht mehr bevor ich oder ihr auszieht, aber ich hab mich gefreut, dass ihr Elternfreunde gefunden habt, die euch Postkarten schreiben.

Ich kenne Leute, die hassen ihre Nachbar:innen, die erzählen von Streitereien am Gang, vom Lauern hinter der Tür um sich unangenehme Begegnungen zu ersparen.

Es gibt Leute, die bei jedem Mucks die Polizei anrufen, und welche die jede Nacht ganz laut Scooter hören, und es gibt Identitäre, die in Kellern einziehen. Ich kenne euch nicht, aber so sind wir nicht.

In den Monaten, in denen das Leben sich normalisiert hat und ich mich mehrmals täglich gegen die schwere Haustür stemme, gehetzt und mit Kopfhörern im Ohr, merk ich ehrlich gesagt wenig von euch. Da könntet ihr mir tatsächlich nicht mehr wurscht sein. Da bin ich maximal hie und da froh, dass wir keine Streitereien haben, die Anwält:innen Maledieven-Urlaube finanzieren.

Aber in Zeiten wie jetzt, da fällt mir wieder auf, dass über mir und unter mir geniest und haargeföhnt und kindergeschimpft und gefernschaut und geheimwerkt wird. Dass einige von euch einen grausligen Musikgeschmack haben aber mindestens zwei einen ganz anständigen, und es hört wenigstens niemand “Hyper Hyper”.

Dann denk ich an diese bunten Illustrationen in Wimmelbüchern mit Wohnhäusern die einmal vertikal durchgeschnitten sind, wo oben am Dachboden jemand Weihnachtsdeko auspackt und im Rechteck in der Mitte eine Kindergeburtstagsparty gefeiert wird und im Keller eine Katze in der Mülltonne wühlt, weil Haustiere in Kinderbüchern immer was anstellen.

Eigentlich sind wir ja doch ganz schön intim. Mein Müll liegt stinkend neben eurem Müll. Eure Fahrräder stehen neben meinem im Fahrradkeller.

Letzten Sommer bin ich abends nach einem schwülen Tag auf der Donauinsel heimgekommen und das Haus hat sich leer angefühlt und es hat faul gerochen und es gab keinen Strom. Einer von euch hat mir gesagt, dass es gebrannt hat, nix Schlimmes, nur der alte Trockner im Waschkeller. Der Gestank ist wochenlang nicht weggegangen. Er hat alle anderen Gerüche überdeckt, und er hat mich erinnert – und euch vielleicht auch – dass wir auf die willkürlichste und ungebundendste Art und Weise doch irgendwie verbunden sind.

Foto: Alexis Fauvet on Unsplash

Vor ein paar Tagen hab ich dann doch die Ted Bundy Doku geschaut und danach bis in die frühen Morgenstunden Wikipedia-Artikel darüber gelesen. Es war blöd, weiß ich eh. Aber, wenn sich doch jemand in meinem Schrank versteckt und ihr mich schreien hört, ihr würdet schon nachschauen kommen, oder?

Wir kennen uns nicht, aber wenn ihr bei der Hausärztin ein Formular ausfüllt oder mal wieder was im Internet bestellt oder mit den anderen Eltern am Spielplatz Kontaktdaten austauscht, dann schreibt ihr dieselbe Straße und Hausnummer und Postleitzahl auf wie ich. Wahrscheinlich sagt ihr auch ständig “ja, mit Doppel-m”.

Das ist nicht viel, aber es ist auch nicht nichts. Wir kennen uns gar nicht, aber in zwanzig Jahren werdet ihr mit euren erwachsenen Kindern durch diese Straße spazieren und zu ihnen sagen, “In diesem Haus habt ihr eure ersten Schritte gemacht, und am Wochenende haben wir öfters gemeinsam Gugelhupf gebacken, wisst ihr das noch?” Und wir anderen werden das auch tun. Hier hab ich mal ein paar Jahre gewohnt, hier hab ich angefangen Klavier zu spielen, hier hab ich an lauen Sommerabenden stundenlang am Balkon gelesen.

Wenn ihr nicht da wärt und euer Getrampel und eure Mehlspeisengerüche und die Fußabdrücke eures Huskys am Gang und eure verlorenen Socken in der Waschmaschine, dann wär ich einsamer gewesen in diesem großen Haus, besonders in den letzten zwei Jahren.

Wir kennen uns nicht, wir sind so völlig und gänzlich austauschbar füreinander.

Aber ein Mensch braucht nicht nur Unersetzliches, ein Mensch braucht auch eine Geräuschkulisse. Ein Mensch will hören und sehen und riechen, dass es da auch noch andere Menschen gibt.

1 Kommentar

  1. Erinnye sagt:

    Vielen Dank für diesen Eintrag, hat mir gut gefallen.

    Gefällt 1 Person

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