Herrn Kukas Empfehlungen

© Piper Verlag

Radek Knapp liefert mit Herr Kukas Empfehlungen einen Einblick, wie sich jugendliche Abenteuerlust und die Großstadt treffen. Waldemar bricht aus Warschau auf und noch vor seiner Ankunft in Wien legt Herr Kuka ihm mit seinen Empfehlungen ein Ei. Unterhaltsam und abwechslungsreich ist die Reise so jedenfalls.


Radek Knapp bringt polnische Wurzeln und Wiener Alltag unter einen Hut, dabei beginnt die Geschichte gar nicht in Wien. Stattdessen beginnt sie mit dem Wunsch Waldemars, endlich einmal aus Warschau herauszukommen und den Westen zu sehen – ein in den 80ern schätzungsweise weit verbreiteter Wunsch unter 18-Jährigen. Vielleicht sind Vodka-verliebte alte Nachbarn nicht unbedingt die besten Ratgeber, aber hätte Waldemar auf seine Eltern gehört, wäre er wohl nie aus Warschau weggefahren. So handelt er sich aber zwei Monate Aufenthalt aus, bekommt ein bisschen Startkapital und steigt in einen „fahrenden Kühlschrank“ ein, wie er den Bus vertrauensvoll beschreibt. Ideal also, um ein Abenteuer zu starten, wenn man mit 18 das erste Mal die Welt entdeckt.

Abenteuer Wien

Endstation der Fahrt: die polnische Kirche gleich beim Belvedere. Um ein paar Klischees zu bedienen hat der gute Herr Kuka Waldemar ein Mitbringsel für den Pfarrer über die Grenze schmuggeln lassen, ohne dass dieser es wusste. Und um Herrn Kuka noch vertrauenswürdiger zu machen, stellt sich seine Empfehlung vom Vier Jahreszeiten als Übernachtungsmöglichkeit als die Parkbank beim Springbrunnen der Vier Jahreszeiten im Belvedere heraus.

Für die Gesamtsituation schlägt Waldemar sich aber gar nicht so schlecht. Es ist immerhin Sommer und wer im kommunistischen Polen groß wird, kommt Knapp zufolge auch von einer Parkbank aus gut durch Wien. Wobei Knapp den Schlosspark vom Belvedere wie ein sehr angenehmes Sommerquartier klingen lässt, auch wenn die gute Lage fast täglich mit Foto-Sessions für Touristen bezahlt werden muss.

Ganz klassisch beginnt Waldemars Entdeckungsreise mit den Sehenswürdigkeiten. Riesenrad-Fahren, Schönbrunn-Tour, Stephansdom. Nachdem man aber auch von etwas leben muss und nicht ewig unauffällig zwischen Parkbüschen leben kann, macht sich Waldemar nach einiger Zeit auf den Weg zum Arbeiterstrich hinter Gerasdorf. Als erste Lektion wird die nationale Bruderschaft enttäuscht, weil auch Polen sich in Wien gegenseitig übers Ohr hauen. Trotzdem funktioniert eine gewisse Loyalität und dank neuer Bekanntschaften schafft Waldemar den zahlenmäßigen Abstieg vom dritten in den zweiten Bezirk. Wobei der Abstieg ein ziemlicher Aufstieg ist, immerhin findet Waldemar dank seines neuen Freundes Bolek eine Wohnung und ein Bett. Als Draufgabe bekommt er auch noch einen Job und der Schwerpunkt der Geschichte verlagert sich damit zum Mexikoplatz.

Wiener Mentalität und Multikulturalität

Unterhaltsam beschrieben sind auch die Mitbewohner in seiner neuen Unterkunft: der polnische Bolek und der deutsche Lothar, die eine kuriose Kombination aus widersprüchlichen Persönlichkeiten darstellen. Theoretisch wäre die Nationalität nicht relevant, allerdings geht Knapp auch darauf ein, was Wien mit einer Psyche anstellen kann und geht auf diese Hintergründe ein. Wobei nichts über die Vermieterin der drei geht, klassischerweise eine vorurteilsbehaftete Hofratswitwe.

So gesehen ist Knapps Werk mehr eine Ode an die Wiener Mentalität als an die Stadt selbst. Dennoch: Viele Kleinigkeiten sind bildlich leicht vorstellbar. Die Ausflüge zu Aida, das kleine Spielzeuggeschäft am Mexikoplatz, die überfüllte U-Bahn und die Altbauwohnung mit der Toilette am Gang. Waldemar lernt in zwei Monaten die Funktionsweise der Stadt kennen, lernt die Arbeit und Freundschaft neu kennen und macht erste Frauenbekanntschaften. Also ein guter Sommer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s