Von Mundls Watschn bis Pandemie-Verarbeitung: Das Wiener Kunstmuseen-Finale 2021

Ines Doujak, Geistervölker (2021), Courtesy die Künstlerin

Jedes Jahr, das Corona-Jahr 2020 einfach mal naiv weggedacht, dasselbe Spiel: es herbst’lt in Wien und prompt knallen die großen Wiener Kunstmuseen die Blockbuster-Ausstellungen des Jahres derart penetrant in die Öffentlichkeit hinaus, dass man fast Angst bekommt. Die Wucht der Marketing-Maschinerie mancher Häuser gleicht Mundls einst angedrohter „Watschn, dass da 14 Tog da Schädl wocklt“. Immerhin erwarten dich und mich noch kleinere Ausstellungs-Schmankerl, die uns noch bis Jahresende und darüber hinaus die kalte Jahreszeit versüßen. Ein unvollständiger Überblick zu bereits eröffneten Ausstellungen und jene, deren Räumlichkeiten sich uns bald noch öffnen werden.


Hilfe, immer diese Blockbuster

Namhafte Künstler:innen wecken freilich auch in mir das hyperventilierende Fangirl – oft passiert es aber, dass mir wegen letztendlicher Abgedroschenheit der Präsentation die Laune schnell wieder vergeht. Name dropping allein ist dann halt doch nur die halbe Miete. So passiert es, dass sich manche Häuser (die ich trotz allem sehr schätze, nicht falsch verstehen) besonders viel Mühe dabei geben müssen, mein Herz mit ihren Kassenschlager-Ausstellungen zu erobern.

Im Kunsthistorischen Museum dreht sich derzeit alles um die Sonderausstellung Tizians Frauenbild. Schönheit – Liebe – Poesie, die noch bis 16. Jänner 2022 läuft. Wenn man auch nur ein Euzerl feministischer Haltung in sich trägt, stellen sich bereits beim Lesen des Titels erste Nackenhaare auf. Vorerst beruhige ich noch meinen inneren Ungustl und drücke mir selbst die Daumen, dass ich mich in keiner reaktionären Ausstellung wiederfinden werde, in der das Thema der idealisierten Frauenbildnisse von damals nicht auch – aus heutiger Perspektive versteht sich – kritisch behandelt wird.

„Venus mit Orgelspieler und Cupido“, Tizian (um 1488–1576), um 1555
Museo Nacional del Prado, Madrid
© Archivo Fotográfico. Museo Nacional del Prado, Madrid

In der Albertina hingegen setzt man wieder auf die alljährliche, vermutlich sehr klassisch angelegte Ausstellung zu einem großen Künstler der Moderne: Diesmal hat es mit Modigliani. Revolution des Primitivismus den italienischen Künstler Amadeo Modigliani getroffen, dessen Leben und künstlerischen Werdegang man noch bis 9. Jänner 2022 fein chronologisch aufgefädelt folgen darf. Gähn.

Der dritte männliche Künstler, der nach Museumsbesucher:innen schreit, ist im Oberen Belvedere Albrecht Dürer. Beziehungsweise müssen sein Name und sein künstlerischer Einfluss auf Österreich herhalten: Dürerzeit. Österreich am Tor der Renaissance heißt die Schau, die noch bis 30. Jänner 2022 geöffnet sein wird. Immerhin, das Belvedere widmet sich dabei einer bisher wenig beachteten Epoche der österreichischen Kunst, nämlich als sich die ausgehende Spätgotik mit der einsetzenden Renaissance überlagerte.

Multimedialität, Pandemie-Geschichten und das Verhältnis von Dingen zueinander

Im Vornherein neugieriger bin ich heuer auf andere Ausstellungen. Rebecca Horn im Kunstforum Wien zeigt eine Werkschau über die facettenreiche deutsche Künstlerin, und dies noch bis 23. Jänner 2022. Horn bedient sich unterschiedlichster Medien: So trifft man in ihrem Oeuvre auf Performance, Spielfilm, kinetische Skulptur, Installation, Zeichnung, aber auch Lyrik. Im Jahr 1972 wurde ihr Werk zum ersten Mal auf der documenta 5 gezeigt – jene documenta, die wohl als eine der weltweit einflussreichsten Ausstellungen Moderner Kunst nach 1945 gilt. Der Schwerpunkt der Ausstellung im Kunstforum liegt auf der medialen Verflechtung der unterschiedlichsten Genres im Werk Rebecca Horns.

Ausstellungsansicht Rebecca Horn, Bank Austria Kunstforum Wien, 2021 Foto: Gregor Titze/Bank Austria Kunstforum Wien © Rebecca Horn, Bildrecht Wien, 2021

In der Kunsthalle Wien im MuseumsQuartier hingegen gibt es noch bis 23. Jänner 2022 die umfassende Ausstellung Geistervölker der österreichischen Künstlerin Ines Doujak zu sehen. Auch Doujak beweist multidisziplinäre Praxis, umfasst ihr Werk Fotografie, Performance, Film und Installation. Die Ausstellung beschäftigt sich mit den Geschichten von Pandemien, Viren und deren Beziehung zum weltweiten Handel und aktuellen ökonomischen und ökologischen Krisen. Die gezeigten Arbeiten sollen eine Erzählung bilden, die globale Wirtschaftskreisläufe von Produktion, Konsum und Ausbeutung mit der aktuellen Pandemie verknüpft und die zugleich die in der Geschichte wiederkehrenden Muster aufzeigen, die zur Entstehung und Verbreitung von Pandemien führen.

Ab 26. November wartet im mumok Wolfgang Tillmans. Schall ist flüssig auf dich. Tillmans widmet sich mit seinen Fotografien Menschen und Körpern, Landschaften, Architektur, Gegenständen und Himmelserscheinungen. In der mumok Schau werden bald, laut Ankündigung, frühe Arbeiten aus den 1990er Jahren, aber auch Fotografien, die kurz vor und während der Corona-Pandemie aufgenommen wurden, gezeigt. Angesichts der Pandemie hat sich die Wahrnehmung von Körper, Bild, Material und Oberfläche verändert – diese beobachtet Wolfgang Tillmans und versucht sie festzuhalten.

Wolfgang Tillmans, Lüneburg (self), 2020
Courtesy of Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

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