Ich fühl mich so “bläh“  

Foto © Kinga Cichewicz auf Unsplash

Zwischen 300,000 und 500,000 Wörter umfasst die deutsche Sprache, und keines davon kann beschreiben, was viele von uns in der (hoffentlich) letzten Phase dieser Pandemie fühlen. Selbst das sonst universell einsetzbare “grantig“ reicht nicht aus, um dieser anhaltenden, vagen “bläh“-Stimmung gerecht zu werden. Wir versuchen, dem namenlosen Pandemiegefühl auf den Grund zu gehen.


“Ich fühl‘ mich in letzter Zeit einfach sooo …“, sagst du, den finalen Vokal gedehnt, nur um den Satz dann unfertig in der Luft hängen zu lassen. “Ich bin grad auch irgendwie …“, beginne ich – erwäge und verwerfe still die Optionen “müde“, “träge“ und “unmotiviert“ – und stoße dann schulterzuckend einen Seufzer aus.

Nicht nur dir und mir, auch den eloquentesten Schriftsteller:innen, Wissenschaftler:innen und Journalist:innen gehen langsam die Worte aus, um die merkwürdigen Gefühle und Stimmungen zu beschreiben, die vielen von uns in eineinhalb Jahren Pandemie so unangenehm vertraut geworden sind. Dabei lechzen wir alle nach genau diesen Begriffen.

Der amerikanische Psychologe Adam Grant schrieb im vergangenen April einen Artikel über “Languishing“, ein vages Gefühl von Stagnation und Leere, das seiner Meinung nach unser Jahr 2021 bestimmt. Tausende kommentierten, diskutierten und teilten seinen Text. Aber reicht “Languishing“ aus, um all unsere komplexen Pandemiegefühle einzufangen? 

Die Künstlerin und Autorin Morgan Harper Nichols trifft mit einer kürzlich auf Instagram geteilten Textpassage den Nagel auf den Kopf: “Bedenkt, dass wir kollektiv an einem Punkt sind, an dem viele von uns namenlose Gefühle fühlen“, schreibt sie. “Es ist möglich, dass wir in ein paar Jahren neue Wörter erfinden werden müssen, um zu beschreiben, was wir im jetzigen Augenblick gefühlt haben.“

Aber warum fühlen wir, was wir noch nie gefühlt haben? Vermutlich weil wir erleben, was wir noch nie erlebt haben.

Beim gemeinsamen Spaziergang gehen wir Schlangenlinien, weil wir eine über Jahrhunderte kulturell gewachsene Norm für ein angemessenes Nähe/Distanz-Verhältnis im Monatstakt neu kalibrieren müssen. Außerdem: Niemand weiß, wie breit zwei Meter sind, und in welche Richtung bläst eigentlich der Wind?

Wir beobachten, wann und wo wir einatmen und ausatmen, was wir angreifen, wer uns wie nahe kommt, und ob irgendjemand in unserem Umkreis hustet oder niest, und das während wir im Großraumbüro arbeiten, im Restaurant aufs Klo gehen, einkaufen, Öffi-fahren, Hochzeiten feiern, und mit dem Hund Gassi gehen. Wir hören Fachbegriffe, die wir nicht kennen, und Zahlen, die zu groß oder zu furchtbar sind, als das unser Hirn sie erfassen könnte.

Neue Erfahrungen bringen namenlose Gefühle. Ein Gefühl das “Angstsamkeit“ heißen könnte, zum Beispiel, eine Mischung aus akuter Einsamkeit und gerechtfertigter Angst vor allem, das dieser Einsamkeit entgegenwirken könnte. Oder ein Gefühl von müder Rastlosigkeit, wie bei einem Kleinkind, dem vor Erschöpfung die Augen zufallen, aber das trotzdem keine Sekunde still sitzen kann.

Manchmal empfinden wir eine wütende Ratlosigkeit, während wir uns durch die Kommentare unter dem neuesten “Zeit im Bild“-Instagram-Post scrollen. Und parallel zu alldem oszillieren wir zwischen zwei ähnlich toxischen Zugängen zum Nachrichtenkonsum: wahnhaftes Wissenwollen und absolute Medien-Detox.

„Neue Erfahrungen bringen namenlose Gefühle. Ein Gefühl das „Angstsamkeit“ heißen könnte, zum Beispiel, eine Mischung aus akuter Einsamkeit und gerechtfertiger Angst vor allem, das dieser Einsamkeit entgegenwirken könnte.“

Wie Nichols es so treffend formuliert: Es wird dauern, bis wir für diese Gefühle Labels gefunden haben. Und vielleicht verschwinden diese namenlosen Empfindungen auch wieder aus unserem kollekiven Gedächtnis, bevor sie sich in unserem Vokabular überhaupt einnisten konnten. Bis dahin werden wir vermutlich weiterhin unvollständige Sätze sagen, seufzend mit der Schulter zucken, und uns irgendwie “bläh“ fühlen.

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